Die Melioration und ihr Kanal    
      Ein technisches Denkmal und Kulturdenkmal      
             
     

Wer im Norden des Landkreises Diepholz zwischen Bruchhausen- Vilsen und Syke-Okel den Geestrand herunterfährt oder wandert und sich nach Norden wendet, kommt in das Gebiet der früheren Meliorationsgenossenschaft Bruchhausen -Syke-Thedinghausen. Hier finden sich noch Relikte wie Schleusen,Kanäle und Gräben eines in Europa in dieser Größe einmaligen Be- und Entwässerungs- Projektes. Größtes und heute noch in vielen Teilen vorhandenes Bauwerk ist der Meliorations- Hauptkanal. Mit ihm führten die Bauern Weserwasser mit fruchtbarem Schlick zur Berieselung auf 4600 ha Weideland.

Die Melioration = Verbesserung von Acker- und Weideland

 
Meliorationshauptkanal
 
             
      Die Geschichte der Melioration      
     

Früher gab es oberhalb von Hoya im Deich Überfälle. Das waren Vertiefungen im Deich, über die das Hochwasser ab einer bestimmten Höhe ins Hinterland strömen konnte. Sie dienten zwei Zwecken: Erstens sollte der Deich entlastet werden, indem das Hochwasser nicht noch weiter ansteigen konnte, und zweitens sollte die Zufuhr von Weserschlick in das Land hinter dem Deich nicht völlig unterbunden werden. Im Jahre 1852 wurde im Bereich Hoya auf der linken Weserseite die Deichlinie geschlossen. Dadurch wurden die Niederungen zwischen Hoya, Süstedt und Schwarme vor dem Weserhochwasser und seinen Folgen geschützt. Der Deich bewahrte Häuser, Wege, Acker und Wiesen nun vor katastrophalen Zerstörungen. Jedoch bemerkten die Bauern in den folgenden Jahren stetig sinkende Erträge ihrer Wiesen und Weiden. Der Grund: Die Überflutungen hatten auch fruchtbaren Weserschlick auf die Flächen gebracht. Die Verwendung von Mineraldünger (wie heute üblich) war noch nicht bekannt. So reifte die Überlegung, die winterliche Überschwemmung des Grünlands künstlich und kontrolliert wieder herbeizuführen. Mit Unterstützung der Regierung der Provinz Hannover und der Preußischen Regierung wurde schließlich in den Jahren 1882-88 das Meliorationsprojekt Bruchhausen-Syke-Thedinghausen durchgeführt. Bei der Melioration geht es neben der Bewässerung auch um die Entwässerung (Verbesserung der Vorflut) und Flurbereinigung zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Nutzung. Der Baurat Hess hatte bei Planung und Durchführung dieser kühnen Vision wesentlichen Anteil. Nachdem 1888 alle Anlagen fertiggestellt wurden, fand die erste Bewässerung 1889 statt. Die Baukosten betrugen insgesamt 3,3 Mio. Mark. Das Meliorationsgebiet umfaßte 4600 ha in den heutigen Gemeinden bzw. Ortschaften Bruchhausen, Martfeld, Schwarme, Uenzen, Süstedt, Wachendorf, Gödestorf, Osterholz, Okel und Thedinghausen (welches damals zum Land Braunschweig gehörte). Der Meliorationshauptkanal zweigte in Hoya von der Weser ab und verlief in nordwestlicher Richtung über Hoyerhagen, Bruchhausen, Süstedt bis Okel. Der Kanal und seine Funktionsweise sind nur zu verstehen, wenn man die ganze Melioration als komplexes, verästeltes System von Hauptkanal, Zuleitungskanälen, Zuleitern, Poldern, Entwässerungsgräben und Vorflutern begreift. Dieses System muß man dann vor dem Hintergrund des Geländereliefs und der vorhandenen natürlichen Wasserläufe betrachten. Es ist ein Werk von beachtlichem Ausmaß: Der Haupkanal war 26,8km lang und hatte 12 Schleusen. Auf den ersten Kilometern war seine Sohle
6m breit, und bei einer Wassertiefe von 2,5 m war der Durchfluß auf 13 cbm je Sekunde berechnet (Hess 1885, S. 52). Insgesamt unterhielt die Meliorationsgenossenschaft 375 km Wasserläufe,
82km Deiche, 524 Stauanlagen, 85 Brücken und 116km Wege. Dazu kamen Düker und Schleusenwärterhäuser. Die Bewässerungsfläche war in 53 Reviere unterteilt.

 
Jochen Voigt
 
             
      Die Funktionsweise der Bewässerung      
     

Bei ausreichendem Pegelstand der Weser strömte das Weserwasser bei Hoya durch die Einlaßschleuse in den Hauptkanal. Das eigentliche Bewässerungsgebiet begann bei Bruchhausen. Durch Schleusen wurde der Kanal angestaut, und das Wasser konnte in die zu bewässernden Reviere Strömen. Nicht direkt am Hauptkanal gelegene Reviere wurden durch Zuleitungskanäle beschickt. Es waren dies (von Süd nach Nord): Wöpser Kanal, Martfelder Kanal, Süstedt-Uenzener Kanal (kleiner Kanal), Schwarmer Kanal und Thedinghausener Kanal. Baurat Hess strebte als Bewässerungsverfahren die Stauberieselung an: An der Oberseite des zu bewässernden Reviers wurde das Wasser durch eine Schleuse eingelassen, bis der Wasserstand auf den Wiesen 20-50cm erreicht hatte. Dann wurde die Ablaßschleuse so weit geöffnet, daß die abfließende Wassermenge dem Zufluß entsprach, also der Wasserstand erhalten blieb. Nach 2-3 Tagen schloß der Schleusenwärter den Einlaß und öffnete die Ablässe vollständig, um das Revier rasch wieder trockenzulegen. Während der Berieselung sollte das Wasser die Fläche langsam überströmen. Durch Leitdämme wurde versucht, eine gleichmäßige Wasserverteilung im Revier zu erreichen. Das langsame Überströmen der Fläche wurde angestrebt, um einerseits ein Absetzen der Sinkstoffe zu erreichen, andererseits durch ständige Wasserbewegung frisches Wasser und Sauerstoff sowie Kohlensäure zuzuführen, um chemisch gelöste Düngerstoffe auszuscheiden. Die Flüsse Eyter und Süstedter Bach entwässerten das Meliorationsgebiet in Richtung Norden und wurden für diesen Zweck vertieft und begradigt. Im Winter wurden alle Reviere bewässert, wenn die Weser ein schlickreiches Hochwasser führte. Im Sommer wurde nur der Wasserstand in den Gräben gehalten, damit der Grundwasserpegel nicht absank. Nach der Heuernte konnten die Wiesen befeuchtet werden. Außerdem dienten die Gräben als Viehtränke.

 
 
             
      Enttäuschte Erwartungen      
     

In den ersten Betriebsjahren konnte die Melioration die Erwartungen der Bauern nicht erfüllen. Die düngende Bewässerung konnte nur ab einem gewissen Hochwasserstand der Weser erfolgen, und auch für die Sommeranfeuchtung reichte der Pegelstand der Weser häufig nicht aus. 1899-1914 wurde das Weserwehr bei Dörverden (unterhalb von Hoya) errichtet. Nun konnte die Weser angestaut und stets genug Wasser in den Kanal eingelassen werden. Ein weiteres Problem: Die tiefen Entwässerungsgräben zurAbführung des Bewässerungswassers bewirkten im Sommer eine Austrocknung des Grünlandes. Um dies zu verhindern, wurden nachträglich Stauanlagen in die Gräben eingebaut, um den Wasserstand in den Revieren stets kontrollieren zu können. (In den Syker Revieren sind noch viele Staue sichtbar.) Es fehlten auch noch Einrichtungen wie Leitdämme, um das schlickhaltige Bewässerungswasser gleichmäßig zu verteilen. Die Umsetzung des Prinzips der Stauberieselung in die Praxis erwies sich als sehr schwierig. Häufig kam es nur zu einer Überstauung, d.h. das Wasser stand, anstatt leicht dahinzuströmen. Diese Methode ist jedoch weit weniger effektiv. Die betroffenen Bauern waren enttäuscht und unzufrieden, denn die Kosten waren hoch: Die Genossenschaft kassierte im Jahr 32 Mark je Hektar für Unterhaltung, Betrieb, Verwaltung und Verzinsung der Meliorationsanlagen; dazu kamen 5 Mark an Revierkosten. Aus diesen Gründen wurde das Meliorationsgebiet bereits ab 1898 aufwendig saniert. In den Revieren wurden die Einrichtungen zur besseren Wasserverteilung eingebaut. Grundstücke wurden zusammengelegt, Grenzen begradigt, Flächen planiert, Wege und Polder angelegt. Bis 1938 wurden für die Sanierung 2 Mio. Mark ausgegeben. Die Maßnahmen brachten die erwünschten Verbesserungen, und die Bauern konnten ihre Ernteerträge steigern. Ob sich die Melioration insgesamt gelohnt hat, ist schwer zu sagen. Zu den Gesamtkosten von 5,3 Mio. Mark gab der preußische Staat einen Zuschuß von 1,976 Mio. Mark. Dies ist eine klassische Agrarsubvention im großen Stil. R. Szechowycz (Hannover 1948) versucht in seiner Dissertation, die Wirtschaftlichkeit zu berechnen. Er kommt auf dabei auf eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals von 2,55%. Die Berechnungen beruhen auf vielen geschätzten Werten, da die Bauern ja keine genauen Bücher geführt haben. Sie erscheinen aber recht plausibel. Die Erbauer der Melioration haben sicherlich auch mit einer längeren Nutzungsdauer gerechnet. Die massive Ausführung der vielen Anlagen läßt darauf schließen. Es ist vielleicht ein Ausdruck des Zeitgeistes der Gründerzeit, daß man alles für technisch mach- bar hielt. Man glaubte, mit riesigen Investitionen in gigantische Anlagen die Natur verbessern zu Können. Szechowycz kommt zum Fazit (S. 131):

"Zum Schluß sei erklärt, daß die wirklichen Verhältnisse ... heute sehr schwer festzustellen sind. Die Bauern in der ganzen Welt ... dulden ungern ein Ein- greifen in die alten Wirtschaftsmethoden, die sie von ihren Vätern übernommen haben.... Die Bauern, die Neuerungen fernstehen, zeigen meistens passiven, manchmal auch aktiven Widerstand. ... Ein weiteres Moment hat wesentlich dazu beigetragen, die wirklichen Verhältnisse im Meliorationsgebiet zu verschleiern, und das ist das Bestreben der Genossenschaftsverwaltung, die materiellen Verhältnisse der Landwirte ... so schlecht wie nur irgend möglich zu schildern, um dadurch immer neue Zuschüsse vom Staat (Preußen) und der Provinz (Hannover) zu erlangen. Es ist auf diese Weise tatsächlich gelungen, ziemlich hohe Anleihen und Beihilfen zu erhalten. Wenn auch die Lage der Landwirte nicht gerade gut zu nennen war, so wurde sie denn noch immer düsterer dargestellt, als es tatsächlich der Fall war. Dank solcher Taktik der Verwaltung wurde die Genossenschaft z.B. von dem Beitrag zum Bau des Wehres bei Dörverden ganz befreit."

     
             
      Das Ende der Bewässerung      
     

Nach dem zweiten Weltkrieg und dem katastrophalen Hochwasser von 1946 (Deichbruch bei Hoya) befanden sich die Meliorationsanlagen in einem schlechten Zustand. In den Jahren 1949 bis 54 wurden nochmals 500.000 DM investiert. Doch die Bewässerung hatte keine Zukunft mehr. Infolge der Regulierung der Weser und ihrer Nebenflüsse ließ der Schlickanteil im Weserwasser immer mehr nach. Damit sank auch der Düngerwert, während die Anlagen weiterhin mit hohem Aufwand unterhalten werden mußten. Außerdem kam die Verwendung von Kunstdünger auf. Die Überstauung der Wiesen wurde hauptsächlich nur noch zur Ungezieferbekämpfungen (Mäuse, Parasiten) durchgeführt. Fortschrittliche Landwirte forderten die Einführung der Trockenwirtschaft und das Ende der Bewässerung. Sie hatten es aber schwer, sich gegen die mächtige Führung der Meliorationsgenossenschaft durchzusetzen. Erst 1961/62 wurde die Bewässerung eingestellt. 1967 wurde die Meliorationsgenossenschaft in den Wasserverband Geestrandgraben umgewandelt, der ein Unterverband des Mittelweserverbandes wurde. Teile des bisherigen Meliorationshauptkanales wurden vertieft und als Entwässerungsgraben genutzt (Geestrandgraben). Andere Kanalabschnitte sowie die Zuleitungskanäle wurden zugeschüttet. Eyter und Süstedter Bach wurden als tiefe Vorfluter hergerichtet und das gesamte Bruchgebiet trockengelegt.

     
             
      Technisches Denkmal und Kulturdenkmal      
     

Mit dem Ende der Bewässerung begannen die Meliorationsanlagen zu verfallen. Die Flurbereinigung der 70er und 80er Jahre zerstörte weitere Bestandteile der Melioration. Dennoch sind heute von Hoya bis Okel noch Spuren des gewaltigen Projektes zu entdecken. Der Kanal zwischen Hoya und Bruchhausen ist besonders gut erhalten. Nordwestlich von Bruchhausen-Vilsen befinden sich Rest des Süstedt-Uenzener Zuleitungskanals mit Schleusen. Bei Gödestorf gibt es noch einen gut sichtbaren, trockenlegenden Kanalabschnitt mit einer alten Schleuse aus Holz, und in den Okeler Revieren sind zahlreiche Stauvorrichtungen in Gräben zu sehen. Wenn auch vertieft, ist die Kanaltrasse zwischen Bruchhausen und Gödestorf sowie bei Osterholz heute weitgehend als Vorfluter erhalten. Dies sind nur noch Bruchstücke des einstigen Meliorationsprojektes, aber sie sind immer noch beeindruckend und faszinierend. Die Überreste des in Europa in dieser Größe einmaligen Vorhabens kunden von der Vision und der Schaffenskraft seiner Erbauer und sind ein Denkmal der ganz besonderen Art. Damals war die Melioration eine große Umgestaltung der Landschaft; heute bilden die Anlagenreste in der von Flurbereinigung und intensivem Ackerbau geprägten Bruchniederung reizvolle und schützenswerte Landschaftsbestandteile.

Quellen: Hess. Gutachten betreffend die Melioration der in den ämtern Bruchhausen, Syke und Thedinghausen belegenen Niederungen, Hannover 1878 Hess: Gutachten betreffend die Melioration der in den ämtern Bruchhausen, Syke und Thedinghausen belegenen Niederungen, Hannover 1885 Fischer, H.G.: Schwarme, Schwarme 1994 Szechowycz, Roman: Die Bewässerungsanlagen Bruchhausen-Syke-Thedinghausen, Dissertation, Hannover 1948 Kreiszeitung vom 1./2. Juli 1967

     
 
   
 
geändert am 05.11.2003
 
 


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